Donnerstag, 16. April 2020

Was die Seele Jesu nach seinem Tod tat

   Gerne möchte ich hier einen Ausschnitt aus "Das bittere Leiden unseres Herrn Jesus Christus" nach den Visionen von Anna Katharina Emmerick mit euch teilen. Es ist für mich das Schönste, was ich seit Langem gelesen habe! Danke, Jesus, für dieses Geschenk, dass wir sehen dürfen, was wir im Credo bekennen: "... hinabgestiegen in das Reich des Todes"! 

Einiges von der Höllenfahrt 


   Als Jesus mit einem lauten Schrei seine allerheiligste Seele aufgab, sah ich diese als eine Lichtgestalt mit vielen Engeln, unter denen auch Gabriel war, am Fuße des heiligen Kreuzes in die Erde hinabfahren. Seine Gottheit aber sah ich sowohl mit dieser seiner Seele als mit seinem am Kreuze hängenden Leibe vereinigt bleiben. Ich vermag die Weise, wie dieses geschah, nicht auszusprechen. Ich sah den Ort, wo die Seele Jesu hinging, in drei Teilen, wie drei Welten, und hatte die Empfindung, dass sie rund seien und dass jeden dieser Orte eine Umgebung, eine Sphäre von dem andern scheide. 
 Vor der Vorhölle war ein heller und sozusagen grüner heiterer Raum. Es war dies jener Raum, in welchen ich immer die vom Fegfeuer erlösten Seelen eintreten sehe, ehe sie zum Himmel geführt werden. Die Vorhölle, in welcher jene sich befanden, die der Erlösung harrten, war mit einer grauen, nebeligen Sphäre umgeben und in verschiedene Kreise geteilt. Der Heiland, leuchtend und von den Engeln wie im Triumph geführt, drang zwischen zweien dieser Kreise hindurch, deren linker die Altväter bis auf Abraham, deren rechter die Seelen von Abraham bis auf Johannes den Täufer umfasste. Jesus drang zwischen beiden hindurch, und sie kannten ihn noch nicht, aber alles erfüllte sich mit Freude und Sehnsucht, und es war, als erweiterten sich diese bangen, bedrängten Räume der Sehnsucht. Es drang wie Luft, wie Licht, wie Tau der Erlösung erquickend durch sie hin, und all dies war schnell wie das Wehen eines Windes. 

   Der Herr aber drang zuerst zwischen diesen beiden Kreisen in einen nebeligen Raum, wo sich Adam und Eva, die ersten Eltern, befanden. Er redete zu ihnen, und sie beteten ihn mit unaussprechlichem Entzücken an. Der Zug des Herrn drang nun, von dem ersten Menschenpaar begleitet, links zu der Vorhölle der Altväter, welche vor Abraham gelebt. Es war dies eine Art Fegfeuer, denn es waren hie und da böse Geister zwischen ihnen, welche einzelne aus diesen Seelen mannigfach bedrängten und ängstigten. Die Engel pochten an und befahlen zu öffnen, denn hier war ein Eingang, weil ein Eindringen, ein Tor, weil ein Abschluss, ein Pochen, weil ein Ankünden des Kommens, und es war mir, als riefen die Engel: «Tut auf die Pforten, öffnet die Tore!», und Jesus zog ein im Triumph, und die bösen Geister wichen zurück und schrien: «Was hast du mit uns, was willst du hier, willst du uns nun auch kreuzigen?» Die Engel aber banden sie und trieben sie vor sich her. Diese Seelen aber kannten Jesus nur wenig und wussten nur dunkel von ihm, und er verkündete sich ihnen, und sie lobsangen ihm. Nun wendete sich die Seele des Herrn zu dem Raum der Rechten, zu der eigentlichen Vorhölle, und vor dieser begegnete ihm die Seele des guten Schächers, von Engeln begleitet in Abrahams Schoß eingehend, und der böse Schächer, der, von bösen Geistern umgeben, zur Hölle fuhr. Die Seele Jesu redete sie an und zog sodann, von der Schar der Engel und Erlösten und der vertriebenen bösen Geister begleitet, in den Schoß Abrahams ein. 
   
   Dieser Raum schien mir höher zu liegen, es war, als gehe man unter dem Kirchhof und steige dann aus der Erde in die Kirche empor. Die gebundenen bösen Geister sträubten sich und wollten nicht hier durch, aber sie wurden von den Engeln mit Gewalt hindurchgeführt. Hier waren alle heiligen Israeliten, links die Patriarchen, dann Moses, die Richter, die Könige; rechts die Propheten und alle Vorfahren Jesu und ihre Verwandten, bis auf Joachim, Anna, Joseph, Zacharias, Elisabeth und Johannes. Hier in diesem Raum waren keine bösen Geister und keine Qual als die Sehnsucht nach der Verheißung, und diese war jetzt erfüllt. Eine unaussprechliche Wonne und Seligkeit durchdrang alle die Seelen, welche den Erlöser begrüßten und anbeteten; die gefesselten bösen Geister aber mussten gezwungen ihre Schmach vor ihnen bekennen. Viele der Seelen wurden emporgesendet, ihre Leiber aus den Gräbern zu erheben und, in diesen sichtbar, Zeugnis von dem Herrn zu geben. Dies war die Zeit, als so viele Tote aus ihren Gräbern in Jerusalem hervorgingen. Sie erschienen mir wie wandelnde Leichen und legten ihre Leiber wieder zur Erde, wie ein Gerichtsbote seinen Amtsmantel ablegt, wenn er die Befehle seiner Obrigkeit vollzogen hat.       

   Ich sah nun den Triumphzug des Heilandes wieder in eine tiefere Sphäre eindringen, wo sich fromme Heiden, welche die Wahrheit geahnt und sich nach ihr gesehnt, in einer Art von Reinigungsort befanden. Es waren böse Geister unter ihnen, denn sie hatten Götzenbilder; ich sah die bösen Geister gezwungen, ihren Trug zu bekennen, und sah die Seelen mit rührender Freude dem Heiland huldigen. Es wurden aber auch hier die Teufel gefesselt und weitergetrieben. 
   So sah ich den Triumph des Erlösers, mancherlei Seelenbehälter befreiend, in großer Schnelligkeit durchziehen und noch unendlich vieles tun, ich vermag es aber in meinem elenden Zustand nicht auszusprechen. 
   Endlich sah ich ihn mit großem Ernst zum Kern des Abgrundes, zur Hölle nahen. Sie erschien mir in Form eines unübersehbar großen, schrecklichen, schwarzen, metallglänzenden Felsenbaues, dessen Eingang ungeheure, furchtbare schwarze Tore mit Riegeln und Schlössern bildeten, die Grausen erregten. Ein Gebrüll und Geschrei des Entsetzens wurde vernommen, die Tore wurden aufgestoßen, und es erschien eine greuliche finstere Welt. 
   
   So wie ich die Wohnungen der Seligen in Gestalt des himmlischen Jerusalem als eine Stadt und, nach unzähligen Bedingungen der Seligkeit, als verschiedenartige Schlösser und Gärten voll wunderbarer Früchte und Blumen mancher bestimmter Arten zu sehen pflegte, sah ich auch hier alles in Form einer zusammenhängenden Welt, in Gestalt von mannigfachen Gebäuden, Räumen und Gefilden. Aber alles ging aus dem Gegensatz der Seligkeit, aus Pein und Qual hervor. Wie im Aufenthalt der Seligen alles nach den Gründen und Verhältnissen des unendlichen Friedens, der ewigen Harmonie und Genugtuung geformt erscheint, so hier alles in den Missverhältnissen des ewigen Zornes, der Uneinigkeit und der Verzweiflung. Wie im Himmel unaussprechlich schöne, durchsichtige, mannigfache Gebäude der Freude und der Anbetung, so hier ebenso unzählig mannigfaltige finstere Kerker und Höhlen der Qual, des Fluches, der Verzweiflung; wie dort die wunderbarsten Gärten voll Früchten der göttlichen Erquickung, so hier die grässlichsten Wüsten und Sümpfe voll Qual und Pein und allem, was Greuel und Ekel und Entsetzen erregen kann. Ich sah Tempel, Altäre, Schlösser, Throne, Gärten, Seen, Ströme des Fluches, des Hasses, des Greuels, der Verzweiflung, der Verwirrung, Pein und Marter, wie im Himmel des Segens, der Liebe, der Eintracht, Freude und Seligkeit. Hier die zerreißende ewige Uneinigkeit der Verdammten wie dort die selige Gemeinschaft der Heiligen. Alle Wurzeln der Verkehrtheit und Unwahrheit waren hier in unzähligen Erscheinungen und Werken der Qual und Pein ausgebildet, und nichts war recht hier, kein Gedanke beruhigend als der ernste Gedanke an die göttliche Gerechtigkeit, dass jeden Verdammten die Qual und Pein ergriff, welche seine Schuld für ihn gepflanzt hatte; denn alles Schreckliche, was hier erschien und geschah, war das Wesen und die Gestalt und der Ingrimm der entlarvten Sünde, der Schlange, welche sich gegen jene wendet, die sie in ihrem Busen genährt. Ich sah da einen ganz schauderhaften Säulenbau mit Verhältnissen ebenso zu Schreck und Angst eingerichtet wie im Reiche Gottes zu Frieden und Ruh. Es ist dieses alles wohl zu verstehen, aber im einzelnen unaussprechlich! 
   
   Als die Tore von den Engeln aufgestoßen worden, sah man in ein Gewühl von Widersetzen, Fluchen, Schimpfen, Heulen und Wehklagen. Ich sah, dass Jesus die Seele des Judas anredete. Einzelne Engel warfen ganze Scharen von bösen Geistern nieder. Alle mussten Jesus erkennen und anbeten, und dies war ihnen die furchtbarste Qual. Eine große Menge wurde in einen Kreis um andere herum gefesselt, welche dadurch gebunden wurden. In der Mitte war ein Abgrund von Nacht. Luzifer ward gefesselt in diesen geworfen, und es brodelte schwarz um ihn. Es geschah alles dieses nach bestimmten Gesetzen. Ich hörte, dass Luzifer, wo ich nicht irre, 50 oder 60 Jahre vor dem Jahre 2000 nach Christus wieder auf eine Zeitlang solle freigelassen werden. Viele andere Zahlenbestimmungen weiß ich nicht mehr. Einige andere sollten früher zur Strafe und Versuchung freigelassen werden. In unsere Zeit, meine ich, traf die Loslassung einiger, und anderer kurz nach unserer Zeit. 
   Es ist mir unmöglich, alles zu sagen, was mir gezeigt wurde. Es ist zu viel, und ich kann es nicht in Ordnung und in die Reihe bringen, auch bin ich so schrecklich krank, und wenn ich davon spreche, kommt mir alles wieder vor die Augen, und man könnte sterben bei dem Anblick. 
   Ich sah aber noch, wie die erlösten Seelen in unendlichen Scharen aus den Reinigungsorten und der Vorhölle die Seele des Herrn nach einem freudigen Ort unter dem himmlischen Jerusalem emporbegleiteten. Es ist dort, wo ich vor einiger Zeit auch einen seligen Freund von mir gesehen habe. Hierhin kam nun auch die Seele des frommen Schächers und sah den Herrn nach seiner Verheißung im Paradiese wieder. Ich sah, dass hier den Seelen Freude und Erquickung an solchen himmlischen Tafeln bereitet war, wie sie mir öfters in Trostbildern erscheinen. 
   Ich kann von allem diesem keine Zeit und keine Dauer bestimmen, auch vermag ich nicht alles zu erzählen, was ich gesehen und gehört habe, weil ich es jetzt teils selbst nicht mehr recht verstehe und weil es teils missverstanden werden könnte. Ich habe aber den Herrn an sehr verschiedenen Orten, sogar im Meer, gesehen; es war, als heilige und befreie er alle Kreatur, überall flohen vor ihm die bösen Geister zum Abgrund. Ich sah dann auch die Seele des Herrn an vielen Orten in der Erde. Ich sah sie innerhalb des Grabes von Adam unter Golgota erscheinen, und die Seelen von Adam und Eva kamen dort wieder zu ihm, und er sprach mit ihnen, und ich sah ihn unter der Erde mit ihnen in vielen Richtungen von Grab zu Grab vieler Propheten hinziehend, deren Seelen sich bei ihren Gebeinen zu ihm gesellten und denen er vieles erklärte. Dann sah ich ihn mit dieser auserwählten Schar, worunter auch David war, an vielen Orten seines Lebens und Leidens erscheinen und ihnen das Vorbildliche, das ihnen dort geschehen war, erklären und ihnen alle seine Erfüllung desselben mit unaussprechlicher Liebe zueignen. 
   So sah ich ihn unter anderem auch den Seelen an seiner Taufstelle, wo viel Vorbildliches geschehen war, alles erklären, und ich betrachtete mit tiefer Rührung über die unendliche Barmherzigkeit Jesu, als lasse er ihnen die Gnade seiner heiligen Taufe zugutekommen. 
   Es ist unaussprechlich rührend, die Seele des Herrn, von diesen seligen getrösteten Geistern umgeben, leuchtend durch die dunkle Erde, durch Felsen, durch Wasser und Luft und über der Erde ruhig hinschweben zu sehen. 
   Dies ist das wenige, dessen ich mich noch aus meiner reichen Betrachtung der Höllenfahrt des Herrn und seiner Erlösung der gerechten Seelen der Altväter nach seinem Tode erinnere. Aber ich sah auch außer diesem zeitlichen Bilde ein ewiges Bild seiner Barmherzigkeit mit den Armen Seelen an diesem Tag. Ich sah, wie er bei der jährlichen Feier dieses Tages durch die Kirche einen rettenden Blick in das Fegefeuer wirft, ich sah, wie er noch heute, am Karsamstag, da ich diese Betrachtung hatte, einzelne Seelen, die sich bei seiner Kreuzigung versündigt hatten, aus dem Reinigungsort erlöste. Ich sah heute die Erlösung vieler mir unbekannter und auch bekannter Seelen, aber ich nenne sie nicht. 
   Die Erzählende sprach noch heute in ekstatischem Zustand so viel wie: Das erste Absteigen Jesu zur Vorhölle ist die Erfüllung früherer Vorbilder und selbst wieder ein Vorbild, dessen Erfüllung das heutige Erlösen ist. Die Höllenfahrt, die ich sah, ist ein Bild aus einer verflossenen Zeit, aber das heutige Erlösen ist eine fortdauernde Wahrheit; denn die Höllenfahrt Jesu ist das Pflanzen eines Gnadenbaumes seiner Verdienste für die Armen Seelen, und das fortwährende und auch heutige Erlösen der Armen Seelen ist das Fruchtbringen dieses Gnadenbaumes im geistlichen Garten des Kirchenjahres. Die streitende Kirche aber muss den Baum pflegen und die Früchte sammeln und der leidenden Kirche zukommen lassen, weil diese selbst nichts für sich wirken kann. So ist es mit allen Verdiensten des Herrn, wir müssen mitwirken, um ihrer teilhaftig zu werden. Im Schweiße unseres Angesichtes sollen wir unser Brot essen. Alles, was Jesus in der Zeit für uns getan, bringt ewige Früchte, aber wir müssen sie in der Zeit pflegen und brechen, sonst können wir sie nicht in der Ewigkeit genießen. Die Kirche ist ein vollkommener Hausvater, ihr Jahr ist der vollkommenste Garten aller ewigen Früchte in der Zeit, es ist in einem Jahr genug von allem für alle. Wehe allen faulen und treulosen Pflegern des Gartens, so irgendeine Gnade verkommen würde, die einen Kranken hätte heilen, einen Schwachen hätte stärken, einen Hungernden hätte sättigen können. Sie werden am Tage des Gerichtes dem Hausvater auch das letzte Hälmlein verrechnen müssen!" 

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   Alles, was Jesus getan hat, setzt sich wie ein Echo in unserer Geschichte fort; also geht er auch an jedem Karfreitag / Karsamstag in die Unterwelt, um Seelen zu befreien und böse Geister zu fesseln. 
   Hölle und Teufel sind - leider Gottes! - eine Wahrheit, die in der Kirche verschwiegen wird. Es gereicht Satan zur Freude, wenn wir die Hölle leugnen bzw. sagen, sie sei leer, es gäbe weder sie noch ihn, Satan. 
   Man müsste viel mehr und von der Gefahr, dort zu landen, sprechen! 


Sonntag, 5. April 2020

Palmsonntag am Morgen: Der Einzug Jesu in Jerusalem

   Jesus legt seinen Arm um die Schultern seiner Mutter, die aufgestanden ist, als Johannes und Jakobus des Alphäus sie erreicht und ihr gesagt haben: »Dein Sohn kommt.« Sie sind dann zu ihren Gefährten zurückgekehrt, die nur langsam weitergehen und miteinander reden, während Thomas und Andreas nach Betfage gelaufen sind, um die Eselin und das Füllen zu holen und sie Jesus zu bringen. 

   Jesus spricht inzwischen zu den Frauen: »Wir sind nun in der Nähe der Stadt. Ich würde euch raten weiterzugehen. Geht beruhigt weiter. Geht vor mir in die Stadt hinein. Bei En-Rogel sind alle Hirten und die zuverlässigsten Jünger. Sie haben den Auftrag, euch zu begleiten und zu beschützen.« 
   
   »Weißt du . . . Wir haben mit Ascher von Nazaret und Abel von Betlehem in Galiläa und auch mit Salomon gesprochen. Sie sind hierher gekommen, um deine Ankunft rechtzeitig zu wissen. Das Volk bereitet ein großes Fest vor. Und wir würden es gerne sehen . . . Siehst du, wie die Wipfel der Olivenbäume sich bewegen? Es ist nicht der Wind, der sie so schüttelt. Es sind die Menschen, die Zweige abbrechen, um sie auf die Straße zu legen und dich damit vor der Sonne zu schützen. Und dort!? Schau, dort holen sie die Fächerblätter von den Palmen. Sie sehen wie Trauben aus, aber es sind Männer, die an den Stämmen hinaufgeklettert sind . . . Und an den Abhängen sieht man die Kinder sich bücken, um Blumen zu pflücken. Und gewiss holen auch die Frauen Blüten und duftende Kräuter aus den Gärten, um deinen Weg mit Blumen zu bestreuen. Wir möchten dabei sein . . . und es machen wie Maria des Lazarus, die alle Blumen, die dein Fuß im Garten des Lazarus berührte, eingesammelt hat . . . « bittet Maria des Klopas, auch im Namen der anderen. 

   Jesus streichelt die Wange seiner alten Verwandten, die einem kleinen Mädchen gleicht, das gern einem Schauspiel beiwohnen möchte, und sagt zu ihr: »Bei all den Leuten würdest du nichts sehen. Geht voraus. Zu dem Haus des Lazarus, dessen Hüter Matthias ist. Ich werde dort vorüberkommen, und ihr könnt mich von der Terrasse aus sehen.« 

»Mein Sohn . . . du gehst allein? Darf ich nicht in deiner Nähe sein?« sagt Maria, hebt dabei ihr so trauriges Gesicht und richtet ihre himmlischen Augen auf das Antlitz ihres lieben Sohnes. 

»Ich möchte dich bitten, dich verborgen zu halten. Wie die Taube in der Felsspalte. Mehr als deine Anwesenheit brauche ich dein Gebet, geliebte Mutter!« 

   »Wenn es so ist, mein Sohn, werden wir nur beten. Alle. Für dich.« 

   »Ja, wenn ihr den Einzug gesehen habt, dann kommt ihr mit uns in meinen Palast in Zion. Ich werde Diener zum Tempel und hinter dem Meister herschicken, damit sie uns seine Weisungen und Nachrichten von ihm bringen«, entscheidet Maria des Lazarus, die immer am schnellsten versteht, was am besten zu tun ist, und es auch unverzüglich ausführt. 

   »Du hast recht, Schwester. Obwohl es mir leid tut, nicht mit ihm gehen zu können, verstehe ich die Richtigkeit der Anordnung. Im übrigen hat Lazarus uns befohlen, dem Meister in nichts zu widersprechen, sondern ihm auch in den kleinsten Dingen zu gehorchen. Und das werden wir tun.« 

   »Dann geht also. Seht ihr? Die Straßen beleben sich. Die Apostel werden auch gleich hier sein. Geht. Der Friede sei mit euch. Ich werde euch kommen lassen, wenn ich es für richtig halte. Mutter, leb wohl. Sei beruhigt, Gott ist mit uns.« Er küsst sie und verabschiedet sich von ihr. Und die gehorsamen Jüngerinnen entfernen sich rasch. 

   Die zehn Apostel sind nun bei Jesus angelangt. »Hast du sie vorausgeschickt?« 

   »Ja, sie werden meinen Einzug von einem Haus aus sehen.« 

   »Von welchem Haus?« fragt Judas von Kerijot. 

   »Ja, es gibt nun so viele befreundete Häuser!« sagt Philippus. 

   »Gehen sie nicht zu Annalia?« drängt Iskariot. 

   Jesus antwortet verneinend und geht Betfage zu, das nicht mehr weit entfernt ist. 

   Sie sind fast dort angelangt, als die beiden, die er weggeschickt hat, um die Eselin und das Füllen zu holen, zurückkommen. Sie rufen: »Wir haben alles gefunden, wie du gesagt hast, und wir hätten dir die Tiere gleich gebracht. Aber ihr Besitzer will sie erst striegeln und mit dem schönsten Zaumzeug schmücken, um dich zu ehren. Und die Jünger und alle, die zu deiner Ehre die Nacht auf den Straßen um Betanien verbracht haben, wollten die Ehre haben, dir die Tiere zuzuführen. Wir haben uns einverstanden erklärt, denn wir glauben, dass ihre Liebe eine Belohnung verdient.« 

   »Das war richtig. Gehen wir unterdessen weiter.« 

   »Sind es viele Jünger?« fragt Bartholomäus. 

   »Oh, eine Unmenge! Es ist unmöglich, durch die Straßen von Betfage zu kommen. Deshalb habe ich Isaak aufgetragen, die Esel zu Kleon, dem Käsemacher, zu bringen«, antwortet Thomas. 

   »Das hast du gut gemacht. Wir wollen bis zu dem Hügelvorsprung dort gehen und im Schatten der Bäume warten.« 

   Sie begeben sich an die von Jesus genannte Stelle. 

   »Aber so entfernen wir uns ja! Du gehst ja hinten um Betfage herum!« ruft Iskariot aus. 

   »Und wenn ich das tun will, wer kann es mir verbieten? Bin ich denn schon ein Gefangener, dass es mir nicht mehr erlaubt ist, zu gehen, wohin ich will? Oder hat man es vielleicht eilig damit und fürchtet, dass ich meiner Gefangennahme entgehen könnte? Wenn ich es für richtig hielte, mich an weiter entfernte, sichere Orte zu begeben, wer könnte mich daran hindern?« Jesus richtet seine blitzenden Augen auf den Verräter, der den Mund nicht mehr aufmacht und die Achseln zuckt, als ob er sagen wollte: »Tu, was du willst.« 

   Sie gehen hinten um den Ort herum. Ich würde sagen, dass es fast ein Vorort der Stadt ist, denn auf der Westseite grenzt er an die Hänge des Ölberges. Unten, zwischen den Abhängen und der Stadt, glänzt der Kidron in der Aprilsonne. 

   Jesus setzt sich in das stille Grün und vertieft sich in seine Gedanken. Dann steht er auf und geht bis zum äußersten Rand des Vorsprungs. 

   »Hier füge die Vision vom 31. Juli 1944 ein: Jesus weint über Jerusalem, beginnend mit dem Satz, den ich am Anfang der Vision gesagt habe.« Dann fährt er fort, mir die Phasen seines triumphalen Einzuges zu zeigen. 

   30. Juli. Ich weiß nicht, ob ich es schaffen werde, weiterzuschreiben, denn ich habe starke Herzschmerzen und kann nur mit Mühe sitzen. Aber ich muss schreiben, was ich sehe. 

   Von einem Hügel bei Jerusalem schaut Jesus auf die zu seinen Füßen liegende Stadt. 

   Es ist kein sehr hoher Hügel. Höchstens so hoch wie der Platz des heiligen Miniatus auf dem Berg bei Florenz, aber hoch genug, dass das Auge ganz Jerusalem überblickt mit seinen kleinen Bodenerhebungen, seinen Häusern und seinen hinauf- und hinunterführenden Straßen. Dieser Hügel ist auf alle Fälle sehr viel höher als der Kalvarienberg, wenn man vom niedrigsten Punkt der Stadt ausgeht, aber er liegt näher an der Stadtmauer. Er beginnt gleich an der Mauer und steigt auf dieser Seite steil an, auf der anderen dagegen fällt er 5350 sanft ab und geht in eine grüne Ebene über, die sich nach Osten erstreckt. Wenigstens glaube ich, dass es Osten ist, wenn ich den Stand der Sonne richtig beurteile. 

   Jesus und die Seinen sitzen im Schatten einer Baumgruppe. Sie ruhen sich vom Weg aus. Dann steht Jesus auf, verlässt den baumbestandenen Platz und geht bis an den Rand des Hügelvorsprungs. 

   Seine hohe Gestalt zeichnet sich scharf ab von der Leere, die ihn umgibt. Er sieht noch größer aus als sonst, so aufrecht und allein. Er kreuzt die Arme über der Brust, über dem blauen Mantel, und schaut ernst, sehr ernst hinunter. 



   Die Apostel beobachten ihn. Aber sie lassen ihn in Ruhe und regen sich nicht, sprechen auch nicht. Sie glauben wohl, dass er sich abgesondert hat, um zu beten. 

   Aber Jesus betet nicht. Nachdem er lange die Stadt betrachtet hat, alle ihre Viertel, alle ihre Hügel, alle ihre Besonderheiten, vielleicht auch mit den Blicken länger auf diesem oder jenem Punkt verweilt ist, und auf einem anderen nur kurz, beginnt Jesus zu weinen. Reglos und lautlos. Die Tränen füllen seine Augen, fließen über auf die Wangen und fallen . . . Große, stille und so traurige Tränen. Tränen eines Menschen, der weiß, dass er allein und ohne Hoffnung auf den Trost und das Verständnis anderer weinen muss, dass niemand seinen Schmerz von ihm nehmen kann, dass er ihn bis zum Ende durchleiden muss. 

    Der Bruder des Johannes bemerkt von seinem Platz aus als erster dieses Weinen und sagt es den anderen, die sich erschrocken ansehen. 

   »Keiner von uns hat etwas Schlechtes getan«, sagt einer; und ein anderer: »Auch die Leute haben ihn nicht beleidigt. Es war unter ihnen kein einziger Feind.« 

   »Warum weint er dann?« fragt der älteste von ihnen. 

   Petrus und Johannes stehen gleichzeitig auf und nähern sich dem Meister. Sie sind der Meinung, das einzige, was man tun könne, sei, ihn fühlen zu lassen, dass man ihn liebt, und ihn zu fragen, warum er weint. 

   »Meister, du weinst?« sagt Johannes und legt sein blondes Haupt auf die Schulter Jesu, der einen ganzen Kopf größer ist als er. 

   Petrus legt ihm die Hand um die Taille, umarmt ihn fast, zieht ihn an sich und fragt: »Was betrübt dich, Jesus? Sage es uns, die wir dich lieben.« 

   Jesus legt seine Wange an den blonden Kopf des Johannes, öffnet die verschränkten Arme und legt seinerseits einen Arm um die Schultern des Petrus. So umarmt bleiben sie alle drei in einer von Liebe zeugenden Haltung stehen. Doch die Tränen rinnen immer noch. 

   Johannes, der seine Haare nass werden fühlt, fragt noch einmal: »Warum weinst du, mein Meister? Haben wir dich vielleicht gekränkt?« 

   Die anderen Apostel haben sich der liebenden Gruppe genähert und erwarten besorgt eine Antwort. »Nein«, sagt Jesus. »Ihr nicht. Ihr seid meine Freunde, und wenn eine Freundschaft aufrichtig ist, dann ist sie Balsam und Lächeln, niemals Tränen. Ich möchte, dass ihr immer meine Freunde bleibt, auch jetzt, da wir in die Verderbnis gehen, die alle in Gärung bringt und zerstört, die nicht den festen Willen haben, redlich zu bleiben.« 

   »Wohin gehen wir, Meister? Nicht nach Jerusalem? Die Volksmenge hat dich schon freudig begrüßt. Willst du sie enttäuschen? Gehen wir etwa nach Samaria aus irgendeinem besonderen Grund? Ausgerechnet jetzt, vor dem Paschafest?« 

   Die Fragen kommen gleichzeitig von mehreren. 

   Jesus hebt die Hände und gebietet Schweigen. Dann zeigt er mit der Rechten auf die Stadt. Eine ausladende Geste, wie die eines Sämanns, der vor sich aussät. Er sagt: »Dies ist die Verderbnis. Wir gehen nach Jerusalem. Dorthin. Und nur der Allerhöchste weiß, wie sehr ich mich sehne, es zu heiligen, ihm die Heiligkeit zu bringen, die vom Himmel kommt. Wieder heiligen möchte ich Jerusalem, das die heilige Stadt sein sollte. Doch ich kann nichts tun. Sie ist verderbt und wird verderbt bleiben. Die Ströme der Heiligkeit, die aus dem lebendigen Tempel fließen und in den nächsten Tagen immer mächtiger fließen werden, bis er selbst leer und ohne Leben sein wird, werden nicht ausreichen, sie zu erlösen. Samaria und die heidnische Welt werden zum Heiligen kommen. Über den Lügentempeln werden die Tempel des wahren Gottes erstehen. Die Herzen der Heiden werden Christus anbeten. Aber dieses Volk, diese Stadt, werden ihm immer feind sein, und ihr Hass wird sie zur größten Sünde führen. So muss es kommen. Aber wehe jenen, die die Werkzeuge dieses Verbrechens sind. Wehe . . . !« 

   Jesus schaut Judas, der ihm beinahe gegenübersteht, fest in die Augen. 

   »Das wird uns niemals passieren. Wir sind deine Apostel und glauben an dich. Wir sind bereit, für dich zu sterben.« Judas lügt unverschämt und hält dem Blick Jesu unbefangen stand. 

   Auch die anderen stimmen diesen Beteuerungen zu. Jesus antwortet allen, ohne direkt auf die Worte des Judas einzugehen: 

   »Gebe der Himmel, dass ihr so seid. Doch viel Schwäche ist noch in euch. Die Versuchung könnte euch denen ähnlich werden lassen, die mich hassen. Betet viel und seid wachsam. Satan weiß, dass seine Niederlage bevorsteht, und er versucht sich zu rächen, indem er euch mir entreißt. Satan ist uns allen nahe. Mir, um mich daran zu hindern, den Willen des Vaters zu tun und meine Mission zu erfüllen. Euch, um euch zu seinen Dienern zu machen. Seid wachsam. In diesen Mauern wird Satan den ergreifen, der nicht stark sein kann. Den, dessen Fluch es sein wird, dass er erwählt wurde, da er seine Berufung zu menschlichen Zwecken missbrauchte. Ich habe euch für das Himmelreich und nicht für ein Reich in dieser Welt erwählt. Denkt daran. 

   Und du, Stadt, die du deinen Untergang willst und über die ich weine, wisse, dass dein Christus für deine Erlösung betet. Oh, wenn doch auch du an diesem deinem Tag, der dir noch bleibt, erkennen würdest, was dir zum Frieden dient! Wenn du doch wenigstens in dieser Stunde die Liebe, die vorübergeht, erkennen und deinen Hass ablegen würdest, der dich blind und von Sinnen macht, grausam gegen dich selbst und gegen dein eigenes Wohl! Aber der Tag wird kommen, an dem du dich dieser Stunde erinnerst. Dann wird es zu spät sein, zu weinen und zu bereuen! Die Liebe wird vorübergegangen und von deinen Straßen verschwunden sein, und bleiben wird der Hass, den du vorgezogen hast. Der Hass wird sich gegen dich richten, gegen deine Kinder; denn man erhält das, was man gewollt hat, und Hass wird mit Hass vergolten. Es wird dann nicht der Hass der Starken gegen den Schwachen sein, sondern Hass gegen Hass und daher Krieg und Tod. Eingeschlossen von Wällen und Bewaffneten wirst du schmachten, bevor du zerstört wirst. Du wirst deine Kinder durch Waffen und Hunger sterben und die Übriggebliebenen in Gefangenschaft und verachtet und verspottet sehen. Du wirst um Erbarmen flehen und kein Erbarmen mehr finden, denn du wolltest nicht erkennen, was dir zum Heil dient. 

   Ich weine, Freunde, denn ich habe ein menschliches Herz, und die Zerstörung der Heimat lässt meine Tränen fließen. Aber es ist gerecht, dass dies geschehe, denn die Verderbtheit in diesen Mauern ist grenzenlos und zieht die Strafe Gottes herab. Wehe den Bürgern, die am Elend des Vaterlandes Schuld haben! Wehe den Vorstehern, denn sie tragen die Hauptschuld! Wehe denen, die heilig sein und die anderen zur Ehrbarkeit führen sollten, und statt dessen das Haus ihres Dienstes und sich selbst entweihen! Kommt, was ich tue, wird nichts nützen. Aber lassen wir das Licht noch einmal in der Finsternis leuchten.« 

   Jesus geht hinab, gefolgt von den Seinen. Er schreitet rasch mit ernstem, fast finsterem Gesicht auf dem Weg voran und sagt nichts mehr. Er betritt ein kleines Haus am Fuß des Hügels, und ich sehe nichts mehr. 

   Jesus sagt: 

   »Die von Lukas berichtete Szene erscheint zusammenhanglos, beinahe unlogisch. Beweine ich das Unglück einer schuldigen Stadt und kann nicht Nachsicht üben hinsichtlich der Gewohnheiten dieser Stadt? 

   Nein, ich kann es nicht, ich kann nicht nachsichtig sein, denn gerade diese Gewohnheiten sind die Ursache des Unheils, und dies sehen zu müssen, schmerzt mich noch mehr. Mein Zorn über die Tempelschänder ist die logische Folge meiner Betrachtung über den kommenden Untergang Jerusalems. 

   Es sind immer die Profanierungen des Gottesdienstes, der Gebote Gottes, die die Strafen Gottes herausfordern. Diese unwürdigen Priester und diese unwürdigen Gläubigen, die es nur dem Namen nach sind, haben aus dem Haus Gottes eine Räuberhöhle gemacht und auf das ganze Volk Fluch und Tod herabgerufen. Es nützt nichts, dem Übel, unter dem ein ganzes Volk leidet, diesen oder jenen Namen zu geben. Nennt es: Bestrafung für eine tierische Lebensweise. Gott zieht sich zurück und das Übel schreitet voran. Dies ist die Frucht des Lebens einer Nation, die nicht würdig ist, den Namen „christlich“ zu tragen. 

   Wie damals, so habe ich auch jetzt, in diesem ausgehenden Jahrhundert, nicht versäumt, durch Wunder zu erschüttern und zu mahnen. Aber wie damals habe ich für mich und meine Werkzeuge nur Verachtung, Gleichgültigkeit und Hass geerntet. Die einzelnen Menschen und die Nationen sollten jedoch daran denken, dass ihre Tränen nutzlos sind, da sie ihr Heil vorher nicht erkennen wollten. Vergebens werden sie mich anrufen, wenn sie mich in der Stunde, da ich bei ihnen weilte, in einem sakrilegischen Krieg verjagt haben; einem Krieg, der von den einzelnen, dem Bösen ergebenen Seelen, auf die ganze Nation übergegriffen hat. Die Länder können sich nicht so sehr durch Waffen retten als durch eine Lebensweise, die die Hilfe des Himmels herabruft. 

   Ruhe dich aus, kleiner Johannes. Sei deiner Berufung immer treu. Geh in Frieden.« 

   Welche Mühe! Ich kann nicht mehr . . . 

   Jesus hat gerade das Haus betreten, dessen Bewohner er segnet, als draußen heiteres Schellengeläut und fröhliche Stimmen hörbar werden. Bald darauf erscheint das hagere, blasse Gesicht Isaaks im Türspalt. Der getreue Hirte kommt herein und kniet vor seinem Herrn Jesus nieder. Durch die nun offene Tür kann man eine Unzahl von Köpfen sehen, und hinter ihnen noch mehr . . . Man stößt sich, drängelt, will sich durchzwängen . . . Frauen rufen, Kinder, die mitten ins Gedränge geraten sind, weinen. Begrüßungen, festlicher Lärm: »Glücklich dieser Tag, der dich wieder zu uns bringt! Der Friede sei mit dir, Herr! Willkommen, Meister, der du unsere Treue belohnst!« 

   Jesus steht auf und gibt ein Zeichen, dass er reden will. Alle schweigen, und klar erklingt die Stimme Jesu. 

   »Der Friede sei mit euch! Drängelt nicht so. Wir gehen jetzt miteinander zum Tempel hinauf. Ich bin gekommen, um mit euch zusammen zu sein. Friede! Friede! Tut euch nicht weh. Macht Platz, meine Lieben! Lasst mich hinaus und folgt mir, denn wir wollen zusammen in die heilige Stadt einziehen.« 



   Die Leute gehorchen wohl oder übel und gehen etwas zur Seite, so dass Jesus herauskommen und das Eselsfüllen besteigen kann. Denn er wählt das Füllen, auf dem noch nie jemand geritten ist, als sein Reittier. Einige reiche Pilger in der Menge haben ihre prächtigen Mäntel über den Rücken des Tierchens gebreitet, und einer der Männer setzt ein Knie auf den Boden und bietet dem Herrn das andere als Steigbügel an. Er steigt auf das Füllen, und der Zug setzt sich in Bewegung. Auf der einen Seite des Meisters geht Petrus, Isaak auf der anderen. Dieser hält die Zügel des nicht zugerittenen Tieres, das jedoch friedlich dahintrottet, als hätte es nie etwas anderes getan, und auch nicht erschrickt über die Blumen, die man Jesus zuwirft und die oft das weiche Maul und die Augen des Eselchens treffen. Es scheut auch nicht vor den Oliven- und Palmzweigen, die man ringsum und vor ihm schwenkt oder auf den Boden wirft, um einen Blumenteppich zu bilden; noch vor den immer lauter werdenden Rufen »Hosanna dem Sohne Davids!«, die zum heiteren Himmel aufsteigen, während die Menge immer dichter und zahlreicher wird durch die neu Hinzukommenden. 

   Es ist nicht leicht, durch die engen, gewundenen Gässlein von Betfage zu kommen. Die Mütter müssen ihre Kinder auf den Arm nehmen und die Männer ihre Frauen vor zu heftigen Stößen schützen. Manche Väter lassen den kleinen Sohn auf den Schultern reiten oder halten ihn über die Köpfe der Menschen, während die Kinderstimmen sich wie das Blöken der Lämmer oder das Gezwitscher der Schwalben anhören und ihre Händchen Blumen und Olivenblätter streuen, die die Mütter ihnen reichen. Viele werfen dem gütigen Jesus Kußhändchen zu . . . 

   Als er die Enge der kleinen Ortschaft verlassen hat, ordnet sich der Zug und lockert sich auf, und viele Freiwillige begeben sich an die Spitze, um die Straße freizumachen, und andere folgen ihnen und streuen Zweige auf den Boden. Einer breitet als erster seinen Mantel als Teppich aus, dann ein anderer, dann tun es ihnen vier, zehn, hundert, tausend nach. In der Mitte der Straße liegt nun das bunte Band der ausgebreiteten Mäntel, und nachdem Jesus vorübergeritten ist, hebt man sie wieder auf und trägt sie, zusammen mit immer neu Hinzukommenden, voraus. Und Blumen, Zweige, Palmblätter werden geschwenkt und geworfen, und immer lautere Rufe ertönen zu Ehren des Königs von Israel, des Sohnes Davids und seines Reiches. 

   Die Wachsoldaten am Tor kommen heraus, um nachzusehen, was geschieht. Aber es ist kein Aufruhr, und so bleiben sie, auf ihre Lanzen gestützt, an den Seiten des Tores stehen und betrachten erstaunt oder spöttisch lächelnd das eigenartige Gefolge dieses Königs, der auf einem Eselsfüllen daherreitet, schön wie ein Gott und demütig wie der ärmste der Menschen, sanftmütig und Segen spendend . . . umgeben von Frauen, Kindern und unbewaffneten Männern, die »Friede, Friede!« rufen; dieses Königs, der vor seinem Einzug in die Stadt einen Augenblick auf der Höhe der Gräber der Aussätzigen von Hinnom und Schiloach verweilt (ich hoffe, dass ich die Namen dieser Orte, an denen ich Jesus schon mehrmals Wunder an Aussätzigen habe wirken sehen, richtig schreibe) und sich etwas aufrichtet in dem einen Steigbügel, in dem er einen Fuß hat, da er nicht rittlings, sondern seitlich auf dem Eselchen sitzt. Er richtet sich auf, öffnet die Arme weit und ruft in die Richtung dieser schrecklichen Hänge, an denen sich furchterregende Gesichter und Körper zeigen. Sie sehen Jesus an und lassen den klagenden Ruf der Aussätzigen erschallen: »Unrein, unrein«, um Unvorsichtige abzuschrecken, die sogar auf die verseuchten, verpesteten Felsen steigen würden, um Jesus besser zu sehen. »Wer an mich glaubt, rufe meinen Namen an, und er wird durch ihn geheilt werden!« Dann segnet Jesus sie, setzt seinen Weg fort und gebietet Judas von Kerijot: »Du wirst Lebensmittel für die Aussätzigen kaufen und sie ihnen vor dem Abend zusammen mit Simon bringen.« 

   Als der Zug durch das Tor von Schiloach zieht und sich wie ein Strom durch den Vorort Ofel in die Stadt ergießt, gleicht jede Terrasse einem kleinen, in der Luft schwebenden Platz voller Menschen, die Blumen werfen und duftende Essenzen auf die Straße hinunterschütten und versuchen, den Meister damit zu treffen. Die Luft ist erfüllt vom Duft der unter den Füßen des Volkes sterbenden Blüten und der Essenzen, die ihren Wohlgeruch verbreiten, bevor sie in den Staub der Straße fallen. Das Geschrei der Volksmenge scheint lauter zu werden und es hört sich an, als ob jeder in ein Horn blase, denn die zahlreichen Gewölbe von Jerusalem verstärken die Rufe durch ihren Widerhall. 

   Ich höre Rufe und mir scheint, es ist das: »Schalom, Schalom, Melech!« das sich auch bei den Evangelisten findet. Das Geschrei nimmt kein Ende und gleicht dem Brausen einer stürmischen See. Das Tosen einer Sturzwelle, die den Strand und die Klippen peitscht, ist noch nicht vorüber, da folgt schon die nächste Welle, setzt es fort und verstärkt das Getöse, pausenlos. Ich bin halb taub davon. 

   Düfte, Gerüche, Rufe, Schwenken von Zweigen und Kleidungsstücken, Schreie . . . Es ist eine betäubende Vision. 

   Ich sehe die Menschenmenge ständig in Bewegung. Bekannte Gesichter tauchen auf und verschwinden wieder. Alle Jünger aus allen Orten Palästinas, alle Anhänger . . . Einen Augenblick sehe ich Jaïrus; ich sehe Jaia, den Jüngling aus Pella, wie mir scheint, der blind war wie seine Mutter und den Jesus geheilt hat. Ich sehe Joachim von Bozra und den Landmann aus der Ebene von Scharon mit seinen Brüdern; ich sehe den alten und einsamen Matthias vom Ostufer des Jordan, bei dem Jesus Unterkunft gefunden hat, als alles überschwemmt war; ich sehe Zachäus mit seinen bekehrten Freunden; ich sehe den alten Johannes von Nob und fast alle dortigen Bürger; ich sehe den Gatten der Sara aus Jutta . . . Aber wie soll ich alle Gesichter und Namen aufzählen bei diesem Kaleidoskop unbekannter und bekannter Gesichter, die ich schon mehrmals oder auch nur einmal gesehen habe? . . . Da ist nun das Gesicht des Hirtenknaben, den sie von Änon mitgenommen haben. In seiner Nähe ist der Jünger aus Chorazin, der das Begräbnis seines Vaters anderen überlassen hat, um Jesus nachzufolgen; neben ihm sehe ich einen Augenblick den Vater und die Mutter des Benjamin von Kafarnaum mit ihrem Söhnchen, das beinahe unter die Hufe des Esels gerät, als es sich vordrängt, um eine Liebkosung Jesu zu erhaschen. Und leider auch Gesichter, die grün und blau vor Zorn sind über diesen Triumph, von Pharisäern und Schriftgelehrten, die mit Gewalt den Ring der Liebe durchbrechen, der sich um Jesus gebildet hat, und dem Meister zuschreien: »Bring diese Verrückten zum Schweigen! Rufe sie zur Vernunft! Nur Gott darf man Hosanna zurufen. Gebiete ihnen zu schweigen!« 

    Worauf Jesus sanftmütig antwortet: »Auch wenn ich ihnen Schweigen gebiete und sie gehorchen, werden die Steine die Wunder des Wortes Gottes verkünden.« 

   Denn die Leute rufen nicht nur: »Hosanna, Hosanna, dem Sohne Davids! Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn! Hosanna ihm und seinem Reich! Gott ist mit uns! Der Emanuel ist gekommen! Gekommen ist das Reich Christi des Herrn! Hosanna! Hosanna von der Erde bis hinauf in die Himmelshöhen! Friede! Friede, mein König! Friede und Segen dir, heiliger König! Friede und Ehre im Himmel und auf Erden! Lob sei Gott für seinen Christus! Friede den Menschen, die ihn aufnehmen. Friede auf Erden den Menschen, die guten Willens sind, und Ehre Gott in der Höhe, denn die Stunde des Herrn ist gekommen.« Dieser letzte Ruf kommt von dem kompakten Grüppchen der Hirten, die den Ruf der Nacht der Geburt wiederholen. Außer diesen ständigen Zurufen erzählen die Leute aus Palästina den Pilgern aus der Diaspora von den Wundern, die sie gesehen haben; und allen, die nicht wissen, was hier geschieht, da sie Fremde und nur zufällig in der Stadt sind und fragen: »Wer ist denn dieser? Was geht hier vor?« erklären sie: »Es ist Jesus! Jesus, der Meister von Nazaret in Galiläa! Der Prophet! Der Messias des Herrn! Der Verheißene! Der Heilige!« 

   In einem Haustor, an dem sie soeben vorbeigekommen sind – das Vorwärtskommen ist bei diesem Durcheinander nur sehr langsam möglich – erscheint eine Gruppe kräftiger Jünglinge, die Gefäße mit glühenden Kohlen und Weihrauch in die Höhe halten und Wolken duftenden Rauchs verbreiten. Diese Geste wird sofort aufgegriffen und nachgeahmt, und viele eilen voraus oder zurück, um in den Häusern Feuer und duftendes Harz zu holen und es zu Ehren des Christus zu verbrennen. 

   Das Haus Annalias ist nun zu sehen. Reben umranken seine Terrasse, und die jungen Blättchen zittern im sanften Aprilwind. Auf der Straßenseite wartet eine ganze Reihe junger Frauen in weißen Kleidern und mit weißen Schleiern, in ihrer Mitte Annalia, mit Körben voller Rosenblätter und Maiglöckchen, die schon durch die Luft flattern. 

   »Die Jungfrauen Israels grüßen dich, Herr!« sagt Johannes, der sich einen Weg gebahnt hat, nun an der Seite Jesu geht und dessen Aufmerksamkeit auf die Girlande der Reinheit lenkt, die sich lächelnd über die Brüstung beugt und die Straße mit blutroten Rosenblättern und perlweißen Maiglöckchen bestreut. 

   Jesus zügelt einen Augenblick den Esel und hält ihn an. Er erhebt das Antlitz und die Hand, um diese Jungfräulichkeit zu segnen, die ihn so sehr liebt, dass sie auf jede andere irdische Liebe zu verzichten bereit ist. 

   Annalia beugt sich vor und ruft: »Deinen Triumph habe ich gesehen, o mein Herr! Nimm nun mein Leben zu deiner Verherrlichung vor der ganzen Welt!« Und mit einem lauten Aufschrei grüßt sie ihn: »Jesus!«, während er unten an ihrem Haus vorbei- und weiterreitet. 

   Und ein anderer, verschiedenartiger Aufschrei übertönt den Lärm der Menge. Doch die Leute halten nicht an, obwohl sie ihn hören. Es ist ein Strom der Begeisterung, ein Strom ekstatischer Leute, der nicht anhalten kann. Und während die letzten Wellen dieses Stromes noch außerhalb des Stadttors sind, haben die ersten schon die Straßen erreicht, die zum Tempel hinaufführen. 

   »Deine Mutter!« schreit Petrus und deutet auf ein Haus, das fast an der Ecke einer Straße steht, die zum Morija hinaufführt und in die der Zug nun einbiegt. Jesus hebt das Antlitz, um seiner Mutter zuzulächeln, die dort oben mit den treuen Frauen steht. 

   Eine zahlreiche Karawane kommt ihnen entgegen und hält den Zug wenige Meter nach dem Haus auf, an dem er schon vorbei ist. Während Jesus mit den anderen wartet und dabei die Kinder liebkost, die ihm die Mütter entgegenhalten, drängt sich ein Mann schreiend durch die Menge: »Lasst mich durch! Eine Frau ist gestorben. Ein Mädchen. Ganz plötzlich. Ihre Mutter ruft nach dem Meister. Lasst mich durch! Er hat sie schon einmal gerettet!« 

   Die Leute machen Platz, und der Mann eilt zu Jesus: »Meister, die Tochter Elisas ist gestorben. Sie hat dich mit diesem Ruf gegrüßt, dann hat sie sich umgedreht und gesagt: „Ich bin glücklich“, und ist gestorben. Ihr Herz ist zersprungen in dem großen Jubel, dich triumphieren zu sehen. Ihre Mutter hat mich auf der Terrasse neben ihrem Haus gesehen und mich zu dir geschickt. Komm, Meister!« 

   »Tot! Annalia ist tot! Aber sie war doch gestern noch gesund und blühend und glücklich!« Die Apostel kommen aufgeregt herbei, ebenso die Hirten. Alle haben sie gestern noch bei bester Gesundheit gesehen. Soeben noch haben sie Annalia rosig und lächelnd gesehen . . . Sie können das Unglück nicht fassen . . . Sie fragen, wollen Einzelheiten erfahren . . . 

   »Ich weiß nicht. Ihr habt alle ihre Worte gehört. Sie hat klar und laut gesprochen. Dann habe ich sie nach rückwärts fallen sehen, mit weißerem Gesicht als ihr Kleid, und habe den Schrei der Mutter gehört . . . Mehr weiß ich nicht.« 

   »Regt euch nicht auf. Sie ist nicht tot. Eine Blüte ist abgefallen, und die Engel Gottes haben sie aufgehoben, um sie in den Schoß Abrahams zu tragen. Bald wird diese Lilie der Erde sich glücklich öffnen im Paradies und für immer die Schrecken der Welt vergessen. Mann, sage Elisa, sie soll das Los ihrer Tochter nicht beweinen. Sage ihr, dass Gott ihr eine große Gnade erwiesen hat. In sechs Tagen wird sie begreifen, welche Gnade Gott ihrer Tochter geschenkt hat. Weint nicht. Niemand soll weinen. Ihr Triumph ist noch größer als der meine, denn die Jungfrauen werden von den Engeln in den Frieden der Gerechten geleitet. Es ist ein ewiger Triumph, der noch zunimmt, niemals abnimmt. Wahrlich, ich sage euch, über euch, nicht über Annalia habt ihr Grund zu weinen. Gehen wir.« Jesus wiederholt den Aposteln und jenen, die sie umgeben: »Eine Blüte ist abgefallen. Sie hat sich zur Ruhe gelegt, und die Engel haben sie aufgehoben. Selig, die reinen Leibes und Herzens ist, denn bald wird sie Gott schauen.« 

   »Aber wie, woran ist sie denn gestorben, Herr?« fragt Petrus, der noch immer nicht begreift. 

   »Aus Liebe. In Ekstase. Aus unendlicher Freude! Ein seliger Tod!« 

   Wer weit vorn oder weit hinten ist, hat nichts bemerkt. Daher fahren sie fort, »Hosanna« zu rufen, während hier, um Jesus herum, schmerzliches Schweigen eingekehrt ist. 

   Es ist Johannes, der das Schweigen bricht: »Oh, ich wollte, dieses Los wäre auch das meine vor den kommenden Stunden!« 

   »Ich auch«, sagt Isaak. »Ich würde gern das Antlitz des Mädchens sehen, das aus Liebe zu dir gestorben ist . . . « 

   »Ich bitte euch, mir euren Wunsch zu opfern. Ich brauche eure Nähe . . . « 

   »Wir werden dich nicht verlassen, Herr. Aber gibt es für diese Mutter keinen Trost?« fragt Natanaël. 

   »Ich werde für sie sorgen . . . « 

   Sie sind nun am Tor der Tempelmauer angelangt. Jesus steigt vom Esel, den jemand aus Betfage übernimmt. 

   Ich muss noch hinzufügen, dass Jesus nicht beim ersten Tor des Tempels abgestiegen, sondern an der Umfassungsmauer entlang geritten ist und erst auf der Nordsseite, nahe der Antonia angehalten hat. Dort steigt er ab und geht in den Tempel, als wolle er zu erkennen geben, dass er sich nicht vor der herrschenden Macht versteckt, da er sich in allen seinen Handlungen unschuldig fühlt. 

   Im ersten Vorhof des Tempels herrscht der übliche Spektakel von Geldwechslern und Händlern mit ihren Tauben, Sperlingen und Lämmern. Nur haben die Händler jetzt nichts zu tun, da alle herbeigeeilt sind, um Jesus zu sehen. 

   Jesus geht hinein. Er wirkt sehr feierlich in seinem Purpurgewand und lässt den Blick über diesen Markt schweifen und über eine Gruppe von Pharisäern und Schriftgelehrten, die in einem Säulengang stehen und ihn beobachten. Sein Blick flammt vor Unwillen. Mit einem Sprung ist er in der Mitte des Hofes. Ein unvorhergesehener Sprung, der einem Flug gleicht; dem Flug einer Flamme, denn sein Gewand ist eine Flamme im Sonnenlicht, das den Hof überflutet. Er donnert mit mächtiger Stimme: »Hinaus aus dem Haus meines Vaters! Hier ist kein Ort des Wuchers und des Handels! Es steht geschrieben: „Mein Haus soll ein Bethaus sein.“ Warum habt ihr also dieses Haus, in dem der Name des Herrn angerufen wird, zu einer Räuberhöhle gemacht? Hinaus! Reinigt mein Haus. Damit ich euch nicht anstatt mit der Peitsche mit dem Blitz des himmlischen Zornes treffe. Hinaus! Weg von hier, ihr Diebe, Krämer, Schamlosen und Mörder, ihr Gotteslästerer und Götzendiener des schlimmsten Götzendienstes: des eigenen stolzen Ich, ihr Verderber und Lügner! Hinaus! Hinaus! Oh, ich sage euch, Gott der Allerhöchste wird diesen Ort für immer ausfegen und seine Rache an einem ganzen Volk nehmen!« Er gebraucht nicht die Peitsche wie beim ersten Mal, doch als er sieht, dass die Händler und Geldwechsler sich Zeit lassen zu gehorchen, geht er zum nächsten Tisch und stürzt ihn um, so dass Waagen und Münzen zu Boden fallen. 

   Die Händler und Wechsler beeilen sich nun, nach diesem ersten Beispiel, den Befehl Jesu zu befolgen. Und Jesus ruft ihnen nach: »Wie oft muss ich euch noch sagen, dass dies kein Ort der Unreinheit, sondern ein Ort des Gebetes ist?« und er schaut die vom Tempel an, die, entsprechend dem Befehl des Hohenpriesters, keinerlei Einwände erheben. 

   Nachdem der Hof nun gereinigt ist, geht Jesus zu den Säulengängen, wo Blinde, Lahme, Stumme, Krüppel und andere Kranke mit lauter Stimme nach ihm rufen. 

   »Was wollt ihr, dass ich euch tun soll?« 

   »Ich möchte sehen, Herr! Die Glieder! Dass mein Kind spricht. Dass meine Frau gesund wird. Wir glauben an dich, Sohn Gottes!« 

   »Gott möge euch erhören. Steht auf und preist den Herrn!« 

   Jesus heilt nicht einen nach dem anderen, sondern macht eine weite Bewegung mit der Hand, und Gnade und Heilung kommen auf die Unglücklichen herab. 

   Sie erheben sich mit Freudenschreien, die sich mit denen der vielen Kinder vermischen, die sich um Jesus scharen und immer wiederholen: »Ehre, Ehre dem Sohn Davids! Hosanna Jesus von Nazaret, dem König der Könige, dem Herrn der Herren!« 

   Einige Pharisäer rufen ihm mit scheinheiliger Ehrerbietung zu: »Meister, hörst du sie? Diese Kinder sagen Dinge, die man nicht sagen darf. Tadle sie. Sie sollen schweigen!« 

   »Warum? Hat der königliche Prophet, der König meines Geschlechtes, nicht gesagt: „Aus dem Mund der Kinder und Säuglinge hast du dir vollkommenes Lob bereitet, zu beschämen die Feinde.“ Habt ihr diese Worte des Psalmisten nicht gelesen? Lasst die Kinder mein Lob singen. Ihre Engel haben es ihnen eingegeben, denn sie schauen allezeit meinen Vater, kennen seine Geheimnisse und teilen sie diesen Unschuldigen mit. Lasst mich nun alle gehen und den Herrn anbeten!« und Jesus begibt sich, vorbei an den Leuten, in den Vorhof der Israeliten, um zu beten . . . 

   Dann geht er zu einem anderen Tor hinaus, vorbei am Probatica-Teich, und verlässt die Stadt, um zu den Hügeln des Ölberges zurückzukehren. 

   Die Apostel sind begeistert . . . Der Triumph hat ihnen Sicherheit gegeben und sie alle Schrecken vergessen lassen, vollständig vergessen lassen, die die Worte des Meisters in ihnen hervorgerufen hatten . . . Sie reden über die Ereignisse . . . Sie brennen darauf, von Annalia zu hören. Nur mit Mühe hindert Jesus sie daran, zu ihrem Haus zu gehen, indem er ihnen versichert, dass er schon weiß, was er tut . . . Sie sind alle taub, taub, taub für jeden göttlichen Hinweis . . . Menschen, Menschen, Menschen, die ein Hosanna-Ruf alles vergessen lässt. 

   Jesus spricht mit den Dienern der Maria von Magdala, die im Tempel zu ihm gekommen sind, und entlässt sie dann . . . 

   »Wo gehen wir jetzt hin?« möchte Philippus wissen. 

   »Zum Haus des Markus des Jona?« fragt Johannes. 

   »Nein, zum Lager der Galiläer. Vielleicht sind meine Brüder dort, und ich würde sie gern begrüßen«, sagt Jesus. 

   »Das könntest du morgen tun«, bemerkt Thaddäus. 

   »Es ist gut, etwas zu tun, solange man es tun kann. Gehen wir zu den Galiläern. Sie werden sich freuen, uns zu sehen. Ihr werdet erfahren, wie es euren Angehörigen geht, und ich werde die Kinder sehen . . . « 

   »Und heute Abend? Wo werden wir schlafen? In der Stadt? In welchem Haus? Vielleicht dort, wo deine Mutter ist? Oder bei Johanna?« fragt Judas Iskariot. 

   »Ich weiß es nicht. Gewiss nicht in der Stadt. Vielleicht in einem galiläischen Zelt . . . « 

   »Aber warum denn?« 

   »Weil ich Galiläer bin und meine Heimat liebe. Gehen wir.« 

   Sie machen sich wieder auf den Weg und gehen zum Lager der Galiläer hinauf, das sich auf dem Ölberg in Richtung Betanien befindet und dessen Zelte weiß glänzen in der heiteren Aprilsonne. 

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Quelle: Maria Valtorta, Der Gottmensch, Band XI., mit freundlicher Genehmigung des Centro Editoriale Valtortiano